Der jüdische Friedhof: »Haus des Lebens«

Im jüdischen Verständnis ist ein Friedhof ein »Haus des ewigen Lebens«, ein »guter Ort« (hebr. bet ha-chajim oder makom tow). Das verpflichtet selbst die kleinste jüdische Gemeinde dazu, einen Friedhof anzulegen, um ihre Toten in angemessener Weise zu bestatten. Die Anlage eines Begräbnisplatzes hat auch Vorrang vor der Errichtung einer Synagoge.
Grabsteine auf Friedhöfen sind, anders als die umgehende Bestattung nach dem Tod, keine jüdische Vorschrift.. Die für jüdische Friedhöfe typischen Grabstelen gehen auf Jakob zurück, der das Grab für seine Frau Rachel mit einem säulenartigen Stein bezeichnete (Gen 35,20). Die hebräische Bezeichnung für die Grabstele, mazewa, ist bis heute für Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen gebräuchlich. Auch die traditionellen Familiengrabstätten haben ihren Ursprung in  alttestamentlicher Zeit und gehen auf die Grablege in der Höhle bei Hebron zurück, die Abraham für seine Frau Sara kaufte (Gen 23,19) und in der dann auch er selbst und seine Söhne mit ihren Frauen bestattet wurden. Dies gilt den Juden bis heute als Vorbild einer Familiengrablege.
Die Bezeichnung des jüdischen Friedhofs als »Haus des ewigen Lebens« weist auf seinen immerwährenden Bestand hin. Die Grabstätten bestehen auf ewige Zeit, sie sind nicht verkäuflich oder übertragbar und werden auch nicht aufgelassen.
Nahezu einheitlich sind jüdische Friedhöfe nach Osten, nach Jerusalem ausgerichtet. Die Gräber und somit die Körper der Bestatteten liegen auf einer West-Ost-Achse, wobei die Füße in Richtung Osten zeigen. Damit kommt die Rückbesinnung auf Israel als Ursprung allen jüdischen Lebens zum Ausdruck, so wie der Thoraschrein, in dem das Allerheiligste, die Thora, aufbewahrt wird, in der Synagoge immer an der Ostseite des Gotteshauses seinen Platz hat.
Zu den Trauerbräuchen gehört es, bei einem Besuch am Grab Steine niederzulegen, um so das Andenken der Verstorbenen zu erhöhen. Es heißt, dass Steine der Ewigkeit am nächsten kommen, während Pflanzen vergehen. Blumenschmuck gilt als verpönt, denn man soll sich am Tod nicht mittelbar erfreuen. Schnittblumen verbieten sich, weil Lebendiges nicht Totem zuliebe geopfert werden soll. Nichtsdestoweniger hat sich in der Neuzeit in nichtorthodoxen Kreisen durchgesetzt, die Grabstellen zu bepflanzen und gelegentlich auch mit Blumen zu schmücken. Der Respekt gebietet es, dass männliche Besucher jüdischer Friedhöfe eine Kippa tragen.

(Textquelle: Nachama, Andreas, Homolka, Walter, Bomhoff, Hartmut, Basiswissen Judentum, Freiburg i. Br. 2015)

Die Anlage des jüdischen Friedhofs in Ottweiler

Der Text wurde dem Buch „Der Jüdische Friedhof Ottweiler“ von Hans-Joachim Hoffmann (Ottweiler, Februar 2015) entnommen und in leicht veränderter Form wiedergegeben.

Die jüdischen Einwohner von Ottweiler, die sich als Gemeinde ab etwa 1870 entwickelten, bestatteten ihre Toten bis zum Jahr 1843 auf dem israelitischen Friedhof in Illingen; in gleicher Weise handhabten es die Neunkircher Juden. Mit Schreiben vom 23. Mai 1841 an die jüdische Gemeinde Ottweiler ordnete Landrat Carl von Rohr (Amtszeit 1825-1842) die Errichtung eines eigenen Friedhofs an, weil es höchst unpassend und polizeiwidrig ist, die Leichen auf einer Strecke von fast 1½ Meilen weit auf einer stets besuchten Straße wie der Kreisstraße nach Illingen ist, zu transportieren, was besonders in dem Falle, wie es öfters geschehen, daß Blut von den Leichen abgeht, und so die ganze Straße besudelt wird, oder wenn die zu beerdigenden Personen an einer unbekannten Krankheit gestorben sind, von großer Erheblichkeit ist, veranlaßt mich anzuordnen: daß die hiesige Judengemeinde einen Begräbnisplatz in gesetzlicher Lage und Größe auf der hiesigen Gemarkung innerhalb Jahresfrist anzulegen hat. Sie wollen sofort die Vorsteher dieser Gemeinde hiervon in Kenntnis setzen und sie auffordern innerhalb 4 Wochen Ihnen einen geeigneten Begräbnisplatz vorzuschlagen, sowie in gesetzlicher Art wegen Ermittlung der nöthigen Kosten Ihnen ein Gutachten abzugeben, wie dieses sodann von der Schaffnerei zu prüfen, und mit deren Beschluß mir vorzulegen ist. Die Judengemeinde in Illingen werde ich von dieser Anordnung in Kenntnis setzen … Am 1. Oktober 1842 wurde Carl von Rohr als Landrat suspendiert, Regierungsassessor Linz übernahm als „landräthlicher Commissarius“ (Hansen) die Verwaltung des Kreises Ottweiler.

Am 23. Mai 1842 unterrichtete Bürgermeister Johann Peter Sprenger (Amtszeit 1822-1849) die israelitische Gemeinde Ottweiler über eine Mitteilung seines Illinger Amtskollegen, dass nicht mehr gestattet werde, dass die israelitischen Leichen aus Ottweiler auf dem hiesigen israelitischen Begräbnisorte beerdigt werden.

Daraufhin erteilte die Stadt Ottweiler am 14. November 1842 aufgrund unserer gemeinschaftlichen Landbesichtigung (…) der hiesigen israelitischen Gemeinde hiermit die polizeiliche Erlaubniß zur Errichtung und Benutzung als Kirchhof, des um ihn zu diesem Behufe anzukaufen, auf dem sogenannten Burg gelegenen Platzes. Wegen vorschußweiser Berichtigung eines Theiles der Ankaufkosten aus den Kassensteuern der Bürgermeisterei Ottweiler habe ich höheren Ortes die erforderliche Autorisation nachgesucht.

Lageplan des heutigen Jüdischen Friedhofs im Wohngebiet "Auf´m Burg".  Zur Zeit seiner Errichtung im 19. Jahrhundert lag der Begräbnisplatz etwa 1 km vor der Ottweiler Stadtgrenze. (Pläne Stadt Ottweiler, Friedhofsamt)

Mit der Errichtung der Umfassungsmauern des jüdischen Friedhofs wurde der Ottweiler Maurermeister Joseph Lerch beauftragt. Zur Übernahme der Kosten hierfür verpflichteten sich: die Witwe Weiler, David Levy, David Kahn, Joseph Weiler und Emmanuel Coblenz.

Das Gelände für die Begräbnisstätte wurde gekauft und nicht gepachtet. Das ergab sich aus der Vorstellung des Judentums vom Friedhof als „Haus der Ewigkeit“ und „Haus des Lebens“. Demnach war und bleibt die vornehmste Aufgabe des jüdischen Friedhofs, einer jeden und einem jeden Verstorbenen das individuelle Grab dauerhaft, ohne jede zeitliche Begrenzung zu bewahren. Diese Unverletzbarkeit des Grabes, die jüdisch absolut zu sehen ist, unterscheidet jüdische Friedhöfe von nichtjüdischen, christlichen, bei denen die Belegung zeitlich begrenzt ist.

Belegungsplan des jüdischen Friedhofs. Gräber mit Einfriedung sind rot gezeichet. Die grünen Kreise sind Standorte von ein- und mehrwüchsigen Bäumen. (Karthografische Aufnahme von Werner Butz und Hans-Joachim Hoffmann im September 2010. Zeichnung: Dezember 2025 von Hans Werner Büchel nach der Kartografie von Werner Butz)

Die in einer klaren Reihenstruktur ausgerichteten Gräber zeigen nach Osten, also in Richtung Jerusalem. Die erhaltenen Grabsteine lassen das Bemühen erkennen, Familienmitglieder nebeneinander zu bestatten; ebenso erkennt man eine chronologische Gliederung.

Im 19. Jahrhundert lag der jüdische Friedhof weit außerhalb der Ottweiler Stadtgrenze. Dies hat er mit allen jüdischen Friedhöfen gemein, bedingt durch die „Vorstellung, dass der Tote ,rituelle Verunreinigung´ über die bringt, die sich mit ihm unter einem Dach befinden und beschäftigen“.

Im Zusammenhang mit den reichsweiten Pogromen gegen die Juden wurde der jüdische Friedhof Ottweiler 1938 verwüstet. Im Jahr 1945 wiederhergestellt, steht er heute unter Denkmalschutz. Auf dem Begräbnisplatz sind 80 Grabstätten erhalten, die älteste unter ihnen ist die von Aaron Kahn, der am 12. Januar 1856 bestattet wurde.

Besondere Grabmale

Das Grabmal Samuel Levys

Auf dem israelitischen Friedhof Ottweiler fällt ein Grabmal besonders ins Auge. Unter einer hebräischen Inschrift lässt sich auf einer ehemals weißen, heute leicht angegilbten Marmorplatte nachstehende Huldigung lesen:
„Hier ruht in Frieden Samuel Levy, Lehrer und Rabbiner, geb. 05. Mai 1805 zu Ottweiler, gest. 07. Oktober daselbst. Sein Leben war eine Kette von Wohltaten und Aufopferungen für seine Nebenmenschen. Er war eine Zierde der Pädagogik und jüdischen Gelehrsamkeit.“

Der Grabstein für Samuel Levy (Bild: Hans Werner Büchel)

Die Vorfahren Samuel Levys stammten aus dem mittelfränkischen Schnaittach. Sein Großvater Abraham Levy war dort Rabbiner und sein Vater Jakob Levy war Rabbiner in Sulzberg bei Nürnberg. Die Familie wanderte gegen Ende des 18. Jahrhunderts über Illingen (Saar) nach Ottweiler ein. Seit dem 13. September 1824 regelte die „Verordnung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz zu Koblenz über den israelitischen Schulunterricht“ verbindlich den Schulbesuch jüdischer Kinder. Daraufhin beschloss der Synagogenvorstand von Ottweiler am 17. Juni 1825 unter der Leitung der Brüder Jacob, Gerson und Bonnevit Coblenz die Einrichtung einer israelitischen Elementarschule in Ottweiler und beriefen Samuel Levy, der seine Ausbildung zum Lehrer von 1819 bis 1825 in Frankfurt erhalten hatte, zu ihrem Leiter. Ab 1829 übernahm er auch das Vorsängeramt in der Synagoge. Samuel Levy wohnte mit seiner Familie in einem Haus am damaligen Marktplatz, heute das Anwesen Rathausplatz 6. Die Anerkennung der jüdischen Elementarschule als Öffentliche Schule war ständiges Bestreben Samuel Levys während seiner Lehrertätigkeit in Ottweiler über mehr als fünf Jahrzehnte. Dieses berufliche Lebensziel erreichte er nicht. Als Anerkennung für seine Verdienste um die jüdische Gemeinde Ottweiler, aber auch für sein politisches Engagement veranstaltete die Stadt Ottweiler aus Anlass seines 50jährigen Dienstjubiläums an seinem 70. Geburtstag am 5. Mai 1875 eine beeindruckende Jubiläumsfeier.

Samuel Levys Sohn (Bezalel) Bernhard Levy wurde Arzt. Am 26. April 1882 ernannt der preußische König Wilhelm II. Bernhard Levy „Dr. med. Stabsarzt, Ritter des eisernen Kreuzes, Distriktarzt, als Okulist in weiterem Umkreis rühmlich bekannt“ (Hansen) wegen seiner medizinischen Verdienste zum Sanitätsrat. Bernhard Levy war mit Lina Bär aus Tholey verheiratet.
Ihre Tochter Anna Amalia Levy, am 30. September 1862 in Ottweiler geboren, verheiratete Becker, wurde, ungeachtet der Verdienste ihres Vaters Bernhard Levy sowie ihres Großvaters Samuel Levy, trotz ihres hohen Alters am 10. Januar 1944 mit dem Transport I/105 von Berlin nach Theresienstadt verbracht und ermordet.
Der Lebensweg Anna Amalia Beckers legt einerseits Zeugnis von der Angleichung der jüdischen Familie Levy ab, andererseits aber auch für die gnadenlose Politik des Nationalsozialismus.

Die »Gebrochene Säule«

Mitten unter den Grabsteinen und fast in der Mitte des jüdischen Friedhof steht eine besondere Stele, deren Erscheinungsbild von den Angehörigen so gewollt war und vom ausführenden Steinmetz kunstvoll umgesetzt wurde. Als Grabstein symbolisiert die »Gebrochene Säule» den frühen Tod eines Menschen und das dadurch unvollendet gebliebene Leben.

Das Grab mit der »Gebrochenen Säule« (Bild: Hans Werner Büchel)


Als Mahnmal ist die »Gebrochene Säule« auf dem jüdischen Friedhof zugleich auch Symbol für das unvollendet gebliebene Leben der ganzen jüdischen Gemeinde in Ottweiler. Sie ist Sinnbild für die Verfolgung, Vertreibung und Entrechtung. Sie steht für die ohne Gnade gewaltsam betriebene Deportation aus ihrer Heimatstadt. Und schließlich steht sie für die erbarmungslose Ermordung allen jüdischen Lebens in Ottweiler in den Vernichtungslagern durch vom Rassenwahn verblendete Deutsche. Die jüdische Gemeinde Ottweiler wurde nur 150 Jahre alt, viele ihrer Mitglieder starben einen zu frühen Tod, viele Leben blieben unvollendet.


Wird fortgesetzt · 27.12.2025 · hwb